Ausbildung, Studium, Zukunft: Der Parteienvergleich für Sachsen-Anhalt 2026
- Thomas von Krafft

- vor 5 Tagen
- 10 Min. Lesezeit
Sieben Parteien, zwölf Themen und eine entscheidende Frage: Welche politischen Pläne beeinflussen die Bildungs- und Berufswege junger Menschen in Sachsen-Anhalt?
Wer junge Menschen bei der Berufs- oder Studienwahl begleitet, spricht nicht nur über Interessen, Talente und passende Tätigkeiten. Beratung findet immer auch in einer konkreten Lebenswirklichkeit statt: Gibt es genügend Ausbildungsplätze? Ist die Berufsschule erreichbar? Können sich Studierende eine Wohnung leisten? Welche Branchen bieten im Land langfristige Perspektiven? Und wie gut bereitet Schule auf eine Arbeitswelt vor, in der künstliche Intelligenz längst zum Alltag gehört?
Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 lohnt sich deshalb ein genauer Blick in die Wahlprogramme. Nicht, um jungen Menschen eine politische Entscheidung abzunehmen. Sondern um als Beraterin oder Berater zu verstehen, welche Rahmenbedingungen sich verändern könnten.
Ich habe die Programme von CDU, AfD, Die Linke, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und BSW anhand von zwölf Themen verglichen, die junge Menschen unmittelbar betreffen. Das dazugehörige Video liefert den schnellen Überblick. Dieser Artikel ordnet die wichtigsten Unterschiede für die Beratungspraxis ein.
Kurz gesagt: Gute Berufs- und Studienberatung schaut nicht nur auf den nächsten Abschluss. Sie berücksichtigt auch Mobilität, Wohnkosten, Digitalisierung, regionale Arbeitsmärkte und politische Weichenstellungen.
Das Wichtigste in 60 Sekunden
Schule wird sehr unterschiedlich gedacht: Die Vorschläge reichen vom Praxis- und Digitaltag über längeres gemeinsames Lernen bis zu stärkerer Leistungsorientierung und Smartphoneverboten.
Ausbildung rückt in den Mittelpunkt: Fast alle Parteien wollen berufliche Bildung stärken – aber mit sehr verschiedenen Instrumenten.
Mobilität entscheidet über Chancen: Deutschlandticket, Führerschein, Rufbus oder kostenloser Nahverkehr können gerade im ländlichen Raum den Berufsweg mitbestimmen.
KI wird zur Bildungsfrage: Die Programme unterscheiden sich darin, wann digitale Technik eingesetzt und wie KI-Kompetenz vermittelt werden soll.
Die Bleibefrage zieht sich durch alle Themen: Arbeitsplätze allein reichen nicht. Junge Menschen brauchen auch Wohnraum, erreichbare Bildung, Kultur, Beteiligung und eine funktionierende Infrastruktur.
Warum dieser Vergleich für die Beratung wichtig ist
Eine politische Forderung ist noch keine beschlossene Maßnahme. Trotzdem zeigen Wahlprogramme, welche Probleme Parteien sehen und in welche Richtung sie Schule, Ausbildung, Hochschulen und Wirtschaft entwickeln wollen.
Für professionelle Beraterinnen und Berater ergeben sich daraus drei Aufgaben:
Entwicklungen frühzeitig erkennen. Neue Schulfächer, Förderprogramme oder Mobilitätsangebote können Bildungswege verändern.
Regionale Möglichkeiten realistisch einordnen. Ein passender Beruf hilft wenig, wenn Ausbildung, Wohnung oder Verkehrsanbindung fehlen.
Orientierung ermöglichen, ohne politisch zu lenken. Gute Beratung macht Unterschiede sichtbar und stärkt die eigene Urteilsfähigkeit junger Menschen.
Der Parteienvergleich ist damit kein Wahlaufruf. Er ist ein Stück Umfeldanalyse für eine Beratung, die über den Tellerrand hinausschaut.
1. Schule: mehr Praxis, mehr gemeinsames Lernen oder mehr Leistung?
Schon bei der Schule zeigen sich deutliche Unterschiede.
Die CDU schlägt ein 4+1-Modell vor: vier Tage Unterricht und einen Praxis- oder Digitaltag an Ober- und Gesamtschulen. Für die Berufsorientierung wäre das interessant, weil Unternehmen und berufliche Praxis regelmäßiger in den Schulalltag eingebunden werden könnten.
Die AfD setzt stärker auf klassischen Unterricht, Leistung und Grundkompetenzen. Smartphones sollen bis Klasse 10 verboten, Informatik soll ab Klasse 8 unterrichtet werden.
Die Linke, die SPD und die Grünen betonen multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit und längeres gemeinsames Lernen in unterschiedlicher Ausprägung. Die Grünen wollen die Grundschule bis Klasse 6 verlängern und Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen abschaffen. Das BSW möchte gemeinsames Lernen zunächst bis Klasse 6 und perspektivisch bis Klasse 8 ausbauen.
Die FDP legt den Schwerpunkt auf Schulautonomie, messbare Qualität sowie digitale und KI-gestützte Lernangebote.
Was bedeutet das für die Beratung?
Schulstruktur beeinflusst, wann Bildungsentscheidungen fallen und wie früh Schülerinnen und Schüler auf bestimmte Wege festgelegt werden. Für Beraterinnen und Berater ist deshalb wichtig, nicht nur Abschlüsse zu betrachten, sondern auch Übergänge, Unterstützungsangebote und praktische Lernmöglichkeiten.
2. Berufsorientierung: Raus aus dem Theorie-Modus
Bei einem Punkt herrscht vergleichsweise viel Einigkeit: Berufsorientierung soll praktischer werden.
Die Vorschläge reichen von regelmäßigen Praxistagen und Unternehmensbesuchen über verpflichtende Praktika bis zum Ausbau von Jugendberufsagenturen. Die SPD will das Berufsorientierungsprogramm BRAFO – Berufswahl Richtig Angehen Frühzeitig Orientieren auf alle weiterführenden Schulen einschließlich der Gymnasien ausweiten. Die FDP möchte Unternehmensbesuche und Praktika bereits ab Klasse 7 etablieren. CDU, AfD, Die Linke, Grüne und BSW setzen ebenfalls auf mehr Begegnungen mit realen Berufsfeldern.
Das klingt zunächst unspektakulär, ist für die Beratung aber zentral. Viele junge Menschen kennen nur einen kleinen Ausschnitt der Arbeitswelt. Je früher sie Tätigkeiten ausprobieren, Betriebe erleben und mit Beschäftigten sprechen, desto fundierter können sie entscheiden.
Beratungsimpuls: Nicht nur fragen „Welcher Beruf interessiert dich?“, sondern auch: „Welche Arbeitsumgebung hast du bereits erlebt – und welche noch gar nicht?“
3. Ausbildung: Die berufliche Bildung bekommt mehr Aufmerksamkeit
Die duale und schulische Ausbildung spielt in allen Programmen eine wichtige Rolle. Die Unterschiede liegen im Wie.
Die AfD schlägt ein freiwilliges Handwerksjahr vor, in dem vier Berufe ausprobiert werden können. Nach einer fristgerecht abgeschlossenen Ausbildung soll es einen Führerscheinzuschuss von 1.500 Euro geben.
Die Linke und die SPD wollen die Finanzierung der Ausbildung auf mehr Unternehmen verteilen. Die Linke fordert zusätzlich, dass Auszubildende mindestens 80 Prozent der tariflichen Ausbildungsvergütung erhalten. Die SPD möchte Gesundheitsausbildungen möglichst gebührenfrei machen.
Die Grünen fordern die Abschaffung von Schulgebühren in allen Ausbildungsberufen, eine Ausbildungsstartbeihilfe und mehr Wohnheimplätze. Die FDP möchte Berufsschulen digitalisieren und die Praktikumsprämie fortführen. Das BSW setzt auf wohnortnahe Berufsschulen und Wohnheime für spezialisierte Bildungsgänge. Die CDU will Schulen und Unternehmen enger verbinden sowie Meisterqualifikation und Betriebsnachfolge stärken.
Für junge Menschen sind dabei nicht nur die Ausbildungsinhalte entscheidend. Kosten, Fahrtwege und Wohnmöglichkeiten bestimmen häufig mit, ob ein Angebot überhaupt angenommen werden kann.
4. Studium: Zugang, Finanzierung und die Zeit nach dem Abschluss
Auch in der Hochschulpolitik liegen die Vorstellungen weit auseinander.
Die CDU will Hochschulen stärker auf Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Forschungstransfer und Gründungen ausrichten. Gebühren für Studierende aus Staaten außerhalb der Europäischen Union sollen geprüft werden.
Die AfD fordert eine Rückkehr zu Diplom und Magister sowie Aufnahmeprüfungen anstelle des Numerus clausus. Die Linke, SPD, Grüne und BSW stellen Gebührenfreiheit beziehungsweise soziale Studienbedingungen stärker in den Mittelpunkt. Dazu gehören Wohnheime, Mensen, bezahlte Praktika und leistungsfähige Studierendenwerke.
Besonders konkret wird das BSW mit der Forderung nach einem garantierten Masterstudienplatz in Sachsen-Anhalt für Absolventinnen und Absolventen eines erfolgreichen Bachelorstudiums. Die FDP setzt auf Hochschulautonomie, internationale Studienangebote und Innovation Labs.
Die unterschätzte Beratungsfrage
„Welches Fach passt zu mir?“ ist nur eine von mehreren Fragen. Ebenso wichtig sind:
Wie finanziere ich mein Studium?
Kann ich Pflichtpraktika ohne zusätzliches Einkommen bewältigen?
Gibt es bezahlbaren Wohnraum?
Möchte ich nach dem Studium in Sachsen-Anhalt arbeiten?
Welche Kontakte zu Unternehmen entstehen bereits während des Studiums?
5. Finanzielle Entlastung: Gute Bildung muss bezahlbar bleiben
Bildungsentscheidungen hängen nicht nur von Interesse und Eignung ab. Fahrtkosten, Lernmittel, Praktika, Schulgebühren oder der Führerschein können darüber entscheiden, ob ein Weg tatsächlich offensteht.
Die CDU möchte beim ersten selbst genutzten Eigenheim im ländlichen Raum auf die Grunderwerbsteuer verzichten. Die AfD schlägt nach einer fristgerecht abgeschlossenen Ausbildung einen Führerscheinzuschuss von 1.500 Euro vor.
Die Linke fordert unter anderem kostenfreie Lernmittel, Mittagessen und digitale Ausstattung sowie ein günstiges oder kostenloses Jugendticket. Die SPD will das Deutschlandticket für Auszubildende und Freiwilligendienstleistende vergünstigen und die Praktikumsprämie ausweiten.
Die Grünen setzen auf eine Ausbildungsstartbeihilfe, bezahlte Praktika und die Abschaffung von Schulgebühren in Ausbildungsberufen. Die FDP will den Führerscheinerwerb günstiger und einfacher machen und fordert auf Bundesebene die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und Grundbedarf. Das BSW möchte Schülerinnen und Schülern sowie Auszubildenden kostenlosen Nahverkehr und echte Lernmittelfreiheit ermöglichen.
Für die Beratung wichtig: Finanzielle Hürden sollten früh angesprochen werden – nicht erst, wenn eine Bewerbung oder Einschreibung bereits an ihnen zu scheitern droht.
6. Arbeitsplätze: Welche Zukunft hat der Standort?
Bei der Frage nach den Arbeitsplätzen der Zukunft werden die politischen Gegensätze besonders sichtbar.
Die CDU will Industrie, Chemie, Pharma, Gesundheitswirtschaft und neue Technologien stärken. Die SPD verbindet den klimaneutralen Umbau der Chemieindustrie mit Weiterbildung und neuen Arbeitsplätzen in den Regionen. Die Grünen setzen auf Innovationscluster rund um erneuerbare Energien, Biotechnologie, Chemie, Mobilität und künstliche Intelligenz.
Die Linke möchte den industriellen Umbau über einen öffentlichen Transformationsfonds begleiten und Förderung an Tarifbindung und Standortgarantien knüpfen. Die AfD will Kohle- und Kernenergie nutzen, wirtschaftliche Sanktionen abbauen und kleine sowie mittlere Unternehmen fördern. Die FDP setzt auf weniger Bürokratie, private Investitionen und eine technologieoffene Energieversorgung. Das BSW fordert öffentliche Investitionen, bezahlbare Energie und tarifgebundene Industriearbeitsplätze.
Für die Beratung relevant: Die Arbeitswelt von morgen besteht nicht nur aus neuen Berufen. Auch klassische Tätigkeiten verändern sich durch Energiepolitik, Digitalisierung, Fachkräftemangel und den industriellen Umbau.
7. Selbstständigkeit: Wie viel Unterstützung bekommen junge Gründerinnen und Gründer?
Selbstständigkeit wird in der Berufsorientierung häufig nur am Rand behandelt. Dabei kann sie für kreative, spezialisierte oder besonders eigenständig arbeitende junge Menschen eine echte Option sein.
Die CDU will Hochschulgründungen mithilfe vorbereiteter Standardverträge innerhalb von 24 Stunden ermöglichen. Die AfD möchte Vorschriften reduzieren, Sonderwirtschaftszonen prüfen und Unternehmensnachfolgen erleichtern.
Die Linke setzt auf einen öffentlichen Transformationsfonds, der auch Gründungen und genossenschaftliche Betriebsübernahmen finanzieren soll. Die SPD plant einen Gründungsbonus, vereinfachte Förderprogramme und regionale Beratungsstellen.
Die Grünen wollen Gründungsstipendien, MakerLabs, Coworking-Angebote und ein Venture-Client-Programm ausbauen. Die FDP schlägt eine digitale Gründungsagentur, weniger Dokumentationspflichten und einen besseren Zugang zu Wagniskapital vor. Das BSW setzt auf niedrigschwellige Beratung, Mentoring und ein landesweites Unternehmensportal.
Eine oft vergessene Beratungsfrage
Nicht nur fragen: „Welcher Beruf passt zu dir?“ Ebenso interessant ist: „Kannst du dir vorstellen, später ein Unternehmen zu gründen oder einen bestehenden Betrieb zu übernehmen?“
8. Digitalisierung und KI: Werkzeug, Unterrichtsfach oder Risiko?
Künstliche Intelligenz taucht in fast allen Programmen auf – allerdings mit unterschiedlichen Akzenten.
Die Grünen wollen ein verpflichtendes Fach Informatik und Medienbildung ab Klasse 5. Die FDP schlägt KI-Profilklassen vor. Die AfD möchte Informatik ab Klasse 8 einführen. Die CDU will KI-Kompetenz und digitale Infrastruktur ausbauen.
Die Linke, SPD und BSW beschäftigen sich stärker mit den Regeln für KI: Transparenz, Datenschutz, nachvollziehbare Entscheidungen und weiterhin erreichbare analoge Angebote stehen hier im Vordergrund.
Für Berufs- und Studienberaterinnen und -berater folgt daraus ein klarer Auftrag: KI-Kompetenz darf nicht mit der Bedienung eines einzelnen Tools verwechselt werden. Junge Menschen brauchen ein Verständnis dafür,
was KI leisten kann,
wo Ergebnisse fehlerhaft oder verzerrt sein können,
wie sich Tätigkeiten und Qualifikationen verändern,
und welche menschlichen Kompetenzen dadurch wichtiger werden.
9. Wohnen: Der passende Bildungsweg braucht ein bezahlbares Zuhause
Eine Hochschule ohne bezahlbares Zimmer oder eine weit entfernte Berufsschule ohne Wohnheimplatz ist nicht für alle jungen Menschen gleichermaßen erreichbar.
Die CDU will vor allem den Erwerb des ersten Eigenheims im ländlichen Raum erleichtern. Die Linke fordert eine landeseigene Wohnungsgesellschaft und mehr Wohnheimplätze. Die SPD setzt auf Sozialwohnungen und zusätzlichen Wohnraum für Auszubildende und Studierende.
Die Grünen wollen Mieterschutz, sozialen Wohnungsbau und Wohnheime ausbauen. Die FDP möchte Bauvorschriften vereinfachen, damit schneller neuer Wohnraum entsteht. Das BSW setzt auf öffentlichen und genossenschaftlichen Wohnungsbau sowie Wohnheime für spezialisierte Ausbildungsgänge. Die AfD legt ihren Schwerpunkt stärker auf Eigentumsbildung und die Verringerung von Baukosten.
Für die Beratung bedeutet das: Die Wohnfrage gehört bereits in die Recherchephase. Sie sollte nicht erst nach der Zusage für Studium oder Ausbildung geklärt werden.
10. Mobilität: Ohne Erreichbarkeit keine echte Wahlfreiheit
Ein Ausbildungsplatz, der morgens nicht erreichbar ist, ist faktisch kein Ausbildungsplatz. Das gilt besonders in einem Flächenland wie Sachsen-Anhalt.
Die CDU möchte das Deutschlandticket erhalten und den Nahverkehr im ländlichen Raum ausbauen. Die AfD fordert ein Deutschlandticket für alle Schülerinnen und Schüler und verbindet Ausbildung mit einem möglichen Führerscheinzuschuss.
Die Linke strebt langfristig einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an. Die SPD will Schülerinnen und Schülern ein Deutschlandticket ermöglichen und Ruf- sowie Nachtbusse ausbauen. Die Grünen möchten ein ermäßigtes Semesterticket sichern und den öffentlichen Verkehr stärken.
Die FDP setzt auf eine digitale Mobilitätsplattform, die Busse, Rufangebote und Sharing-Dienste verbindet, hält das Auto auf dem Land aber weiterhin für wichtig. Das BSW fordert kostenlosen Nahverkehr für Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende.
Beratungsimpuls: Bei jeder realistischen Ausbildungs- oder Studienoption sollten Fahrzeit, Kosten, Taktung und ein möglicher Plan B gemeinsam geprüft werden.
11. Klima und Energie: Ein Konflikt mit Folgen für Berufsbilder
Kaum ein Themenfeld zeigt größere Unterschiede. Grüne und Linke verfolgen besonders ambitionierte Klimaziele. SPD und CDU setzen auf einen industriellen Umbau mit erneuerbaren Energien, Wasserstoff, Speichern und ergänzenden Kraftwerken. FDP und AfD wollen Kernenergie wieder ermöglichen, die AfD außerdem Kohleverstromung fortführen und die CO₂-Abgabe abschaffen. Das BSW verbindet den Ausbau erneuerbarer Energien mit konventioneller Reserve und einem Klimageld.
Für die Beratung ist das keine abstrakte Debatte. Energie- und Klimapolitik beeinflussen unter anderem Berufe in Industrie, Handwerk, Bau, Mobilität, Landwirtschaft, Forschung und Versorgungstechnik. Wer heute eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, wird viele dieser Veränderungen im Berufsleben unmittelbar erleben.
12. Mitbestimmung: Junge Menschen nicht nur befragen, sondern beteiligen
Mehrere Parteien wollen die politische Beteiligung junger Menschen stärken – wiederum mit unterschiedlichen Modellen.
Die Linke fordert ein Wahlalter von 14 Jahren bei Landtags- und Kommunalwahlen. Die SPD setzt sich für ein Wahlalter von 16 Jahren ein und will Jugendbeteiligung zur kommunalen Pflichtaufgabe machen. Grüne und FDP schlagen Jugendparlamente beziehungsweise Jugendbeiräte vor. Das BSW möchte Beteiligungsrechte junger Menschen in der Landesverfassung verankern. CDU und AfD setzen eigene Schwerpunkte bei politischer Bildung beziehungsweise direkter Demokratie.
Warum gehört das in einen Artikel über Berufsorientierung? Weil Selbstwirksamkeit eine wesentliche Voraussetzung für gute Entscheidungen ist. Wer erlebt, dass die eigene Stimme zählt, kann häufig auch Bildungs- und Berufswege aktiver gestalten.
Die entscheidende Zukunftsfrage: Bleiben, zurückkehren oder gehen?
Alle zwölf Themen laufen auf eine Frage hinaus: Finden junge Menschen in Sachsen-Anhalt eine Perspektive, die zu ihrem Leben passt?
Arbeitsplätze sind dafür notwendig, aber nicht ausreichend. Attraktivität entsteht aus einem Zusammenspiel von Bildung, Einkommen, Wohnraum, Mobilität, digitaler Infrastruktur, Kultur, Beteiligung und sozialem Umfeld.
Die Programme setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Die Linke spricht von „Willkommensketten“ vom ersten Semester bis zum ersten Arbeitsplatz. Die SPD beschreibt Jugendpolitik ausdrücklich als Standortfaktor. CDU und FDP setzen stark auf Unternehmertum, Gründungen und regionale Entwicklung. Grüne betonen Zukunftsbranchen, Kultur und klimafreundliche Mobilität. AfD und BSW wollen regionale Unternehmen beziehungsweise Industriearbeitsplätze und Infrastruktur stärken.
Für eine ergebnisoffene Beratung gilt jedoch: Bleiben ist nicht automatisch besser als Gehen – und Gehen nicht automatisch mutiger als Bleiben. Entscheidend ist, dass junge Menschen ihre Optionen kennen und eine informierte Entscheidung treffen können.
Die auffälligsten Alleinstellungsmerkmale im Programmvergleich
Einige Forderungen finden sich in dieser konkreten Form nur in jeweils einem der sieben untersuchten Programme:
CDU: 4+1-Schulmodell, Hochschulgründungen innerhalb von 24 Stunden und mögliche Gebühren für Studierende aus Nicht-EU-Staaten.
AfD: freiwilliges Handwerksjahr, 1.500 Euro Führerscheinzuschuss nach erfolgreicher Ausbildung und nach Alter gestaffelte Meisterprämie.
Die Linke: Wahlalter 14, Mindesthöhe für Ausbildungsvergütungen und eine landeseigene Wohnungsgesellschaft.
SPD: BRAFO an allen weiterführenden Schulen, Jugendbeteiligung als kommunale Pflichtaufgabe und kostenlose Menstruationsprodukte in Schulen, Hochschulen und öffentlichen Gebäuden.
Grüne: Abschaffung der Förderschulen mit Schwerpunkt Lernen, Pflichtfach Informatik und Medienbildung sowie Ausbildungsstartbeihilfe.
FDP: KI-Profilklassen, Unternehmerinnen und Unternehmer im Unterricht sowie öffentlich-private Partnerschaften für Schulgebäude.
BSW: garantierter Masterplatz, Recht auf analoge Teilhabe und öffentliche Kontrolle über Lithiumvorkommen.
„Alleinstellungsmerkmal“ bedeutet hier: Die konkrete Forderung wurde in dieser Form nur in einem der sieben verglichenen Programme gefunden. Andere Parteien oder politische Gruppierungen außerhalb dieses Vergleichs können ähnliche Vorschläge vertreten.
Fünf Fragen für das nächste Beratungsgespräch
Der Vergleich lässt sich direkt in die Beratungspraxis übersetzen:
Welche Wege wären für dich interessant, wenn Fahrtkosten und Entfernung keine Rolle spielten?
Möchtest du lieber früh praktisch arbeiten oder zunächst stärker theoretisch lernen?
Welche Veränderungen durch KI erwartest du in deinem Wunschberuf?
Was müsste ein Wohn- und Arbeitsort bieten, damit du dich dort langfristig wohlfühlst?
Welche politischen Rahmenbedingungen beeinflussen deine Entscheidung bereits heute?
Diese Fragen machen aus politischer Information keine politische Beeinflussung. Sie helfen jungen Menschen vielmehr, die Bedingungen ihrer Entscheidung bewusst wahrzunehmen.
Was der Vergleich leisten kann – und was nicht
Der Vergleich zeigt, was die Parteien in ihren Wahlprogrammen ankündigen. Er bewertet nicht,
ob alle Forderungen finanzierbar sind,
ob das Land sie rechtlich allein umsetzen kann,
welche unbeabsichtigten Folgen entstehen könnten,
und welche Kompromisse nach der Wahl notwendig werden.
Einige Vorschläge betreffen außerdem zumindest teilweise die Bundes- oder Europapolitik. Wahlprogramme sind politische Absichtserklärungen – keine verbindlichen Projektpläne.
Fazit: Gute Beratung braucht einen weiten Blick
Berufs- und Studienorientierung endet nicht bei Interessenstests, Berufsbeschreibungen und Bewerbungsfristen. Junge Menschen entscheiden innerhalb gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedingungen, die ihre Möglichkeiten erweitern oder begrenzen können.
Professionelle Beraterinnen und Berater müssen deshalb keine Parteiprogramme auswendig kennen. Sie sollten aber verstehen, welche Debatten Schule, Ausbildung, Studium und Arbeitswelt prägen. Genau dafür ist dieser Vergleich gedacht: als kompakte Grundlage für Nachfragen, Gespräche und einen informierten Blick über den Tellerrand.
Jetzt das Video ansehen und selbst vergleichen: Welche drei Themen entscheiden aus deiner Sicht am stärksten über die Zukunft junger Menschen in Sachsen-Anhalt?
Schreib mir deine Einschätzung in die Kommentare.
Quellen und redaktioneller Hinweis
Grundlage sind die offiziellen Wahlprogramme von CDU, AfD, Die Linke, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und BSW zur Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt. Die Aussagen wurden für den Vergleich neutral gekürzt und thematisch geordnet. Redaktionsstand: 22. Juli 2026.
CDU: https://www.cdulsa.de/sites/www.cdulsa.de/files/downloads/regierungsprogramm_ltw_web.pdf
SPD: https://spdsachsenanhalt.de/wp-content/uploads/sites/63/2026/03/SPD-Wahlprogramm-2026.pdf
Bündnis 90/Die Grünen: https://www.gruene-lsa.de/wp-content/uploads/2026/05/Programm-zur-Landtagswahl-2026.pdf
BSW: https://st.bsw-vg.de/wp-content/uploads/2026/04/BSW_Landtagswahlprogramm_SachsenAnhalt.pdf





Kommentare