Inklusion in Berufsausbildung und Studium: Leider noch ziemlich exklusiv
- Thomas von Krafft

- 11. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Was professionelle Beratung konkret tun kann, damit Ausbildung endlich inklusiver wird
von Thomas von Krafft, Diplom-Sozialpädagoge, Testentwickler, Ausrüster für professionelle Beratung, www.ikobe.de
Inklusion ist in Deutschland rechtlich verankert, gesellschaftlich anerkannt und politisch gewollt. Und doch zeigt die Praxis ein ernüchterndes Bild:
Ob Inklusion in Berufsausbildung oder Studium tatsächlich gelingt, hängt häufig nicht vom System ab, sondern vom Zufall.
Vom Zufall, an welchen Ausbildungsbetrieb jemand gerät. Vom Zufall, welche Ausbilderin oder welcher Ausbilder zuständig ist. Vom Zufall, wie offen ein Unternehmen, eine Abteilung, ein Team ist. Vom Zufall, welche Beeinträchtigung vorliegt, sichtbar oder unsichtbar, körperlich oder geistig oder beides.
Das ist leider noch keine echte Inklusion. Das ist eher noch Lotterie.
1. Inklusion auf dem Papier – Vorbildlich!
Realität? Sehr unterschiedlich!
Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) klar verpflichtet, Menschen mit Beeinträchtigungen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Ausbildung und Studium zu ermöglichen. Der Anspruch ist eindeutig: Teilhabe, Nachteilsausgleich, angemessene Vorkehrungen. Die Realität ist differenzierter.
Aus meiner langjährigen Beratungspraxis zeigt sich sehr klar: Inklusion wird in Ausbildung und Studium nicht systematisch umgesetzt, sondern punktuell und situativ völlig unterschiedlich.
Sie hängt unter anderem ab von:
der Haltung einzelner Ausbilder und Dozenten
dem Betriebsklima
der Branche
der Unternehmensgröße
der Flexibilität von Arbeits- und Lernstrukturen
der Art der Beeinträchtigung
der Offenheit des Teams
der persönlichen Durchsetzungsfähigkeit der betroffenen Person
Besonders kritisch ist die Situation für Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen: psychische Erkrankungen, ADHS, Autismus-Spektrum, chronische Erkrankungen oder Erschöpfungssyndrome. Hier fehlt häufig Verständnis, Sensibilität und Wissen.
Das Ergebnis ist paradox: Zwei Menschen mit nahezu identischen Voraussetzungen können völlig unterschiedliche Erfahrungen machen, je nachdem, wo und bei wem sie landen.
2. Was Beraterinnen und Berater konkret tun können
Der entscheidende Hebel für gelingende Inklusion
Dieser Abschnitt ist mir besonders wichtig. Denn hier entscheidet sich, ob Beratung wirklich hilft, oder allenfalls begleitet und gut zuredet.
Beratung für Menschen mit Beeinträchtigungen bedeutet nicht, sie zu trösten, sie zu „schonen“ oder ihnen (womöglich falsche) Hoffnungen zu machen um jeden Preis.Gute Beratung bedeutet, realistisch, strategisch, professionell und zielorientiert zu arbeiten. Die jungen Menschen müssen, neudeutsch, „empowert“ werden.
a) Passung geht vor Wunschdenken und Idealismus
Der zentrale Erfolgsfaktor ist die Passung, das individuelle Matching.
Nicht jede Ausbildung ist für jede Person geeignet. Längst nicht jedes Studium ist inklusiv. Der so genannte erste Arbeitsmarkt ist nicht immer realistisch, zumindest nicht selbstverständlich und sofort.
Professionelle Berater klären deshalb:
Welche Arbeitsumfelder sind förderlich?
Welche Strukturen sind notwendig (Tempo, Pausen, Reizniveau, Unterstützung)?
Wo droht Überforderung?
Welche Branchen zeigen erfahrungsgemäß höhere Inklusionsbereitschaft?
Welche Tätigkeiten lassen Anpassung und Entwicklung zu?
Aus meiner Erfahrung sind tendenziell inklusiver:
soziale und pädagogische Berufe
Pflege- und Gesundheitsberufe
kreative Tätigkeiten
kleinere Betriebe, davon viele Handwerksbetriebe
praxisnahe Ausbildungsberufe
Häufig schwieriger sind:
stark leistungsgetaktete, verschulte Studiengänge
Medizin, Jura, hochstandardisierte MINT-Fächer
Großbetriebe mit starren Abläufen
Das ist keine Bewertung, sondern bildet die momentane Realität ab, Stand: Anfang 2026.
b) Systemwissen ist Beratungskompetenz
Gute Beratung endet nicht beim Gespräch. Beraterinnen und Berater sollten wissen, wo Unterstützung konkret organisiert werden kann, zum Beispiel durch:
Reha-Beratung der Agentur für Arbeit
Integrationsfachdienste
Unterstützungsangebote der Ausbildungsförderung
Beratungsstellen an Hochschulen
Nachteilsausgleichsregelungen
regionale Netzwerke und Träger
Wichtig ist dabei nicht nur das Wissen um diese Stellen, sondern die Fähigkeit, dieses Wissen verständlich, realistisch und handlungsorientiert zu übersetzen.
c) Selbstwirksamkeit stärken, ohne falsche Scham
Ein sensibler, aber zentraler Punkt: Menschen mit Beeinträchtigungen dürfen ihre Chancen aktiv verbessern, ihre Bedürfnisse äußern, inklusive Hilfsmittel einfordern. Das ist keine Kapitulation vor oder Kritik an einem ungerechten System, sondern Ausdruck von Eigenverantwortung, Initiative und Selbstbewusstsein.
Dazu gehören unter anderem:
technische Hilfsmittel (zum Beispiel angepasste Rollstühle für Werkstatt oder Beruf)
digitale Assistenzsysteme
KI-gestützte Tools zur Vereinfachung von Texten, Arbeitsanweisungen und Lernmaterialien (einfache Sprache, vorlesen lassen, Schriftgröße, Bildsprache usw.)
Struktur- und Organisationstools
Zeitmanagementhilfen
alternative Prüfungs- und Arbeitsformate
Beratung kann hier entlasten, konkret helfen, anschieben, motivieren, Türen aufstoßen. Richtig, aber im Einzelfall hier und jetzt nicht hilfreich: „Das System muss sich ändern.“
Die Frage muss lauten: „Was hilft dir jetzt, heute, hier konkret weiter?“
d) Erster Arbeitsmarkt: Möglich, aber kein Selbstläufer und schon gar nicht „normal“
Ja, der erste Arbeitsmarkt ist grundsätzlich das Ziel, für viele Menschen mit Beeinträchtigungen aber nur schwer erreichbar. Zumindest nicht um jeden Preis.
Professionelle Beratung bedeutet Ehrlichkeit:
Wo gibt es reale Chancen?
Wo wird Inklusion gelebt, und wo steht es nur auf der Webseite?
Wo lohnt sich der Weg?
Wo droht langfristig eher Überforderung, Scheitern und Frust?
Es gilt aber auch, und das gilt wahrscheinlich für alle Menschen, so oder so: Nicht jeder Umweg ist ein Rückschritt. Manchmal ist er der klügere Weg.
✔ Checkliste für Beraterinnen und Berater
Vor jeder Empfehlung sollte geklärt sein:
Welche Beeinträchtigung liegt vor, sichtbar oder unsichtbar?
Welche Belastungen sind realistisch tragbar?
Welche Arbeitsumfelder fördern diese Person?
Welche Strukturen sind notwendig?
Welche Branchen sind erfahrungsgemäß inklusiver?
Welche Unterstützungsangebote sind konkret nutzbar?
Welche Hilfsmittel können Selbstständigkeit erhöhen?
Wo liegen Risiken der Überforderung?
Welche Alternativen gibt es bei Scheitern?
Diese Fragen sind keine pessimistische Resignation, sondern das ist professionelle Beratung! Zu den Punkten bitte einfach noch weiter recherchieren, das würde hier den Rahmen sprengen. Dazu gibt es aber auch noch weitere Blogartikel.
3. Botschaft an Unternehmen und Hochschulen
Ihr verschenkt Potenzial!
Der Fachkräftemangel ist real. Der Wettbewerb um motivierte, qualifizierte Menschen nimmt zu. Und gleichzeitig bleibt ein enormes Potenzial ungenutzt.
Menschen mit Beeinträchtigungen bringen häufig mit:
hohe Motivation
ausgeprägte Problemlösekompetenz
Durchhaltevermögen
Loyalität
Reflexionsfähigkeit
besondere Perspektiven
hohe Identifikation mit fairen Arbeitgebern
Inklusion ist kein soziales Entgegenkommen altruistischer Unternehmen. Sie ist eine kluge, strategische Ressource.
Unternehmen und Hochschulen, die Inklusion leben und
flexible Strukturen schaffen
individuelle Lösungen ermöglichen
Vielfalt ernst nehmen
Beratung zulassen,
gewinnen engagierte Fachkräfte und motivierte Studierende. In Zeiten des Mangels ist das absolut zukunftsweisend und vorausschauend.
Resümee: Inklusion ist längst nicht nur ein moralisches Ziel, sondern ein spannendes Betätigungsfeld und sie birgt ein enormes Fachkräftepotenzial
Viele haben es begriffen: Inklusion scheitert selten am grundsätzlichen Willen der Menschen. Sie scheitert an Strukturen, Befürchtungen, Traditionen, an falschen Erwartungen und an fehlender Passung.
Erfolgreiche Inklusion braucht:
realistische Beratung
individuelle Diagnostik
ehrliches Matching
Wissen um Systeme
Mut zur Klarheit
Hier ist professionelle Beratung gefragt. Hier ist meine Zielgruppe gefragt 😉.
Das Werkzeug der Wahl für diese Arbeit: KompetenzCheck next

Wer Inklusion ernst nimmt, braucht etwas mehr als gute Absichten. Er oder sie braucht ein Instrument, das Persönlichkeit, Belastbarkeit, Talente, Bedürfnisse und Passung sichtbar macht. Unabhängig, objektiv, ganzheitlich, zeitgemäß.
Der IKOBE KompetenzCheck next liefert genau diese Grundlage, differenziert, realistisch und praxisnah: www.ikobe.de/kompetenzcheck-next
Mehr Informationen: www.ikobe.de/blog
Kontakt: Thomas von Krafft, tvk@ikobe.de
0173 – 35 90 314. Ich freue mich!




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