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Inklusion in Berufsausbildung und Studium: Leider noch ziemlich exklusiv

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Was professionelle Beratung konkret tun kann, damit Ausbildung endlich inklusiver wird

von Thomas von Krafft, Diplom-Sozialpädagoge, Testentwickler, Ausrüster für professionelle Beratung, www.ikobe.de

 

Inklusion ist in Deutschland rechtlich verankert, gesellschaftlich anerkannt und politisch gewollt. Und doch zeigt die Praxis ein ernüchterndes Bild:

Ob Inklusion in Berufsausbildung oder Studium tatsächlich gelingt, hängt häufig nicht vom System ab, sondern vom Zufall.

Vom Zufall, an welchen Ausbildungsbetrieb jemand gerät. Vom Zufall, welche Ausbilderin oder welcher Ausbilder zuständig ist. Vom Zufall, wie offen ein Unternehmen, eine Abteilung, ein Team ist. Vom Zufall, welche Beeinträchtigung vorliegt, sichtbar oder unsichtbar, körperlich oder geistig oder beides.

Das ist leider noch keine echte Inklusion. Das ist eher noch Lotterie.

 

1. Inklusion auf dem Papier – Vorbildlich!

Realität? Sehr unterschiedlich!


Deutschland hat sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) klar verpflichtet, Menschen mit Beeinträchtigungen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Ausbildung und Studium zu ermöglichen. Der Anspruch ist eindeutig: Teilhabe, Nachteilsausgleich, angemessene Vorkehrungen. Die Realität ist differenzierter.

 

Aus meiner langjährigen Beratungspraxis zeigt sich sehr klar: Inklusion wird in Ausbildung und Studium nicht systematisch umgesetzt, sondern punktuell und situativ völlig unterschiedlich.

Sie hängt unter anderem ab von:

  • der Haltung einzelner Ausbilder und Dozenten

  • dem Betriebsklima

  • der Branche

  • der Unternehmensgröße

  • der Flexibilität von Arbeits- und Lernstrukturen

  • der Art der Beeinträchtigung

  • der Offenheit des Teams

  • der persönlichen Durchsetzungsfähigkeit der betroffenen Person

Besonders kritisch ist die Situation für Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen: psychische Erkrankungen, ADHS, Autismus-Spektrum, chronische Erkrankungen oder Erschöpfungssyndrome. Hier fehlt häufig Verständnis, Sensibilität und Wissen.

Das Ergebnis ist paradox: Zwei Menschen mit nahezu identischen Voraussetzungen können völlig unterschiedliche Erfahrungen machen, je nachdem, wo und bei wem sie landen.

 

2. Was Beraterinnen und Berater konkret tun können

 

Der entscheidende Hebel für gelingende Inklusion

 

Dieser Abschnitt ist mir besonders wichtig. Denn hier entscheidet sich, ob Beratung wirklich hilft, oder allenfalls begleitet und gut zuredet.

Beratung für Menschen mit Beeinträchtigungen bedeutet nicht, sie zu trösten, sie zu „schonen“ oder ihnen (womöglich falsche) Hoffnungen zu machen um jeden Preis.Gute Beratung bedeutet, realistisch, strategisch, professionell und zielorientiert zu arbeiten. Die jungen Menschen müssen, neudeutsch, „empowert“ werden.

 

a) Passung geht vor Wunschdenken und Idealismus

Der zentrale Erfolgsfaktor ist die Passung, das individuelle Matching.

Nicht jede Ausbildung ist für jede Person geeignet. Längst nicht jedes Studium ist inklusiv. Der so genannte erste Arbeitsmarkt ist nicht immer realistisch, zumindest nicht selbstverständlich und sofort.

 

Professionelle Berater klären deshalb:

  • Welche Arbeitsumfelder sind förderlich?

  • Welche Strukturen sind notwendig (Tempo, Pausen, Reizniveau, Unterstützung)?

  • Wo droht Überforderung?

  • Welche Branchen zeigen erfahrungsgemäß höhere Inklusionsbereitschaft?

  • Welche Tätigkeiten lassen Anpassung und Entwicklung zu?

 

Aus meiner Erfahrung sind tendenziell inklusiver:

  • soziale und pädagogische Berufe

  • Pflege- und Gesundheitsberufe

  • kreative Tätigkeiten

  • kleinere Betriebe, davon viele Handwerksbetriebe

  • praxisnahe Ausbildungsberufe

 

Häufig schwieriger sind:

  • stark leistungsgetaktete, verschulte Studiengänge

  • Medizin, Jura, hochstandardisierte MINT-Fächer

  • Großbetriebe mit starren Abläufen

 

Das ist keine Bewertung, sondern bildet die momentane Realität ab, Stand: Anfang 2026.

 

b) Systemwissen ist Beratungskompetenz

Gute Beratung endet nicht beim Gespräch. Beraterinnen und Berater sollten wissen, wo Unterstützung konkret organisiert werden kann, zum Beispiel durch:

  • Reha-Beratung der Agentur für Arbeit

  • Integrationsfachdienste

  • Unterstützungsangebote der Ausbildungsförderung

  • Beratungsstellen an Hochschulen

  • Nachteilsausgleichsregelungen

  • regionale Netzwerke und Träger

Wichtig ist dabei nicht nur das Wissen um diese Stellen, sondern die Fähigkeit, dieses Wissen verständlich, realistisch und handlungsorientiert zu übersetzen.

 

c) Selbstwirksamkeit stärken, ohne falsche Scham

Ein sensibler, aber zentraler Punkt: Menschen mit Beeinträchtigungen dürfen ihre Chancen aktiv verbessern, ihre Bedürfnisse äußern, inklusive Hilfsmittel einfordern. Das ist keine Kapitulation vor oder Kritik an einem ungerechten System, sondern Ausdruck von Eigenverantwortung, Initiative und Selbstbewusstsein.

Dazu gehören unter anderem:

  • technische Hilfsmittel (zum Beispiel angepasste Rollstühle für Werkstatt oder Beruf)

  • digitale Assistenzsysteme

  • KI-gestützte Tools zur Vereinfachung von Texten, Arbeitsanweisungen und Lernmaterialien (einfache Sprache, vorlesen lassen, Schriftgröße, Bildsprache usw.)

  • Struktur- und Organisationstools

  • Zeitmanagementhilfen

  • alternative Prüfungs- und Arbeitsformate

Beratung kann hier entlasten, konkret helfen, anschieben, motivieren, Türen aufstoßen. Richtig, aber im Einzelfall hier und jetzt nicht hilfreich: „Das System muss sich ändern.“

Die Frage muss lauten: „Was hilft dir jetzt, heute, hier konkret weiter?“

 

d) Erster Arbeitsmarkt: Möglich, aber kein Selbstläufer und schon gar nicht „normal“

Ja, der erste Arbeitsmarkt ist grundsätzlich das Ziel, für viele Menschen mit Beeinträchtigungen aber nur schwer erreichbar. Zumindest nicht um jeden Preis.

Professionelle Beratung bedeutet Ehrlichkeit:

  • Wo gibt es reale Chancen?

  • Wo wird Inklusion gelebt, und wo steht es nur auf der Webseite?

  • Wo lohnt sich der Weg?

  • Wo droht langfristig eher Überforderung, Scheitern und Frust?

Es gilt aber auch, und das gilt wahrscheinlich für alle Menschen, so oder so: Nicht jeder Umweg ist ein Rückschritt. Manchmal ist er der klügere Weg.

 

✔ Checkliste für Beraterinnen und Berater

Vor jeder Empfehlung sollte geklärt sein:

  1. Welche Beeinträchtigung liegt vor, sichtbar oder unsichtbar?

  2. Welche Belastungen sind realistisch tragbar?

  3. Welche Arbeitsumfelder fördern diese Person?

  4. Welche Strukturen sind notwendig?

  5. Welche Branchen sind erfahrungsgemäß inklusiver?

  6. Welche Unterstützungsangebote sind konkret nutzbar?

  7. Welche Hilfsmittel können Selbstständigkeit erhöhen?

  8. Wo liegen Risiken der Überforderung?

  9. Welche Alternativen gibt es bei Scheitern?


Diese Fragen sind keine pessimistische Resignation, sondern das ist professionelle Beratung! Zu den Punkten bitte einfach noch weiter recherchieren, das würde hier den Rahmen sprengen. Dazu gibt es aber auch noch weitere Blogartikel.

 

3. Botschaft an Unternehmen und Hochschulen

 

Ihr verschenkt Potenzial!

 

Der Fachkräftemangel ist real. Der Wettbewerb um motivierte, qualifizierte Menschen nimmt zu. Und gleichzeitig bleibt ein enormes Potenzial ungenutzt.

Menschen mit Beeinträchtigungen bringen häufig mit:

  • hohe Motivation

  • ausgeprägte Problemlösekompetenz

  • Durchhaltevermögen

  • Loyalität

  • Reflexionsfähigkeit

  • besondere Perspektiven

  • hohe Identifikation mit fairen Arbeitgebern


Inklusion ist kein soziales Entgegenkommen altruistischer Unternehmen. Sie ist eine kluge, strategische Ressource.

Unternehmen und Hochschulen, die Inklusion leben und

  • flexible Strukturen schaffen

  • individuelle Lösungen ermöglichen

  • Vielfalt ernst nehmen

  • Beratung zulassen,

gewinnen engagierte Fachkräfte und motivierte Studierende. In Zeiten des Mangels ist das absolut zukunftsweisend und vorausschauend.

 

Resümee: Inklusion ist längst nicht nur ein moralisches Ziel, sondern ein spannendes Betätigungsfeld und sie birgt ein enormes Fachkräftepotenzial

Viele haben es begriffen: Inklusion scheitert selten am grundsätzlichen Willen der Menschen. Sie scheitert an Strukturen, Befürchtungen, Traditionen, an falschen Erwartungen und an fehlender Passung.

Erfolgreiche Inklusion braucht:

  • realistische Beratung

  • individuelle Diagnostik

  • ehrliches Matching

  • Wissen um Systeme

  • Mut zur Klarheit

Hier ist professionelle Beratung gefragt. Hier ist meine Zielgruppe gefragt 😉.

 

Das Werkzeug der Wahl für diese Arbeit: KompetenzCheck next


Wer Inklusion ernst nimmt, braucht etwas mehr als gute Absichten. Er oder sie braucht ein Instrument, das Persönlichkeit, Belastbarkeit, Talente, Bedürfnisse und Passung sichtbar macht. Unabhängig, objektiv, ganzheitlich, zeitgemäß.

Der IKOBE KompetenzCheck next liefert genau diese Grundlage, differenziert, realistisch und praxisnah: www.ikobe.de/kompetenzcheck-next

Mehr Informationen: www.ikobe.de/blog

Kontakt: Thomas von Krafft, tvk@ikobe.de 

0173 – 35 90 314. Ich freue mich!

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